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Unser indischer Werkstudent Soundar Sellamuthu ist gerade von einer Geschäftsreise nach Indien, gemeinsam mit CHANCEN International-Gründerin Batya Blankers, zurückgekehrt. In unserem Interview sprechen wir mit Soundar über die Gründe für die Reise, die Möglichkeit, UGVs in Indien anzubieten und wie er Teil dieses Projekts wurde.

working student Soundar Sellamuthu

Soundar, du hast für die CHANCEN eG fast einen ganzen Monat in Indien verbracht. Was war der Grund deiner Reise?

Ich schreibe aktuell meine Masterarbeit über „Evaluation of the Indian market for the implementation of the Income Share Agreement”, also darüber, ob und wie der UGV in Indien funktionieren könnte. Das Ziel meiner Reise war es, Feldforschung für meine Masterarbeit und ihre praktische Anwendung – die potentielle Gründung eines Zweigs der CHANCEN International in Indien! – zu betreiben.

Wow, was für eine tolle Gelegenheit für eine Masterarbeit! Zurück zum Anfang – wie bist du überhaupt auf dieses Thema gekommen?

Das ist eine lange Geschichte! Ich kam 2017 nach Deutschland, um BWL und Ingenieurswesen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin zu studieren. Nach dem dritten Semester wollte ich gern im Rahmen eines Praktikums Einblick in die deutsche Arbeitskultur gewinnen. Idealerweise wollte ich in einem Startup arbeiten, da Startups die Möglichkeit bieten, in vielen verschiedenen Bereichen interdisziplinär Erfahrungen zu sammeln. Als ich mich durch die verschiedenen Jobangebote klickte, wurde ich auf eine Praktikumsstelle der CHANCEN eG aufmerksam. Ich hatte zuvor noch nie von der CHANCEN eG oder einem Umgekehrten Generationenvertrag gehört und begann, mich in die Thematik einzulesen. Der Hintergrund der CHANCEN eG, ihr sozialer Fokus und das diverse Team, und die Jobbeschreibung sprachen mich sehr an. Ich bewarb mich und wurde ausgewählt. Im März 2019 habe ich dann bei der CHANCEN eG als Praktikant im Bereich Unternehmensentwicklung und Finanzanalyse angefangen.

Bei der CHANCEN eG bist du als absoluter Excel-Experte bekannt (nur von unserem CFO Olaf Lampson in den Schatten gestellt!) – Was hast du während deines Praktikums gemacht und wie hat es zum Thema deiner Masterarbeit geführt?

Ich habe eng mit Olaf zusammengearbeitet, hauptsächlich in Bezug auf den Businessplan von CHANCEN eG und CHANCEN International. Außerdem habe ich einige Projekte im Bereich Controlling durchgeführt und Dashboards erstellt. Für diese Projekte arbeitete ich mit verschiedenen Teams zusammen, genau wie ich es mir gewünscht hatte. CHANCEN hat sehr flache Hierarchien, und jeder – vom CEO bis zu den Praktikant*innen – ist zugänglich und freundlich. Außerdem habe ich in Gesprächen mit meinen Kolleg*innen auch mein Deutsch ein wenig verbessern können. Es war eine tolle Erfahrung, neue Finanz- und Buchhaltungskonzepte zu erlernen und direkt damit zu arbeiten.

Während meiner Arbeit für CHANCEN habe ich einen tiefen Einblick in das Konzept des UGV bekommen und sah großes Potential für den UGV in Indien. Deshalb habe ich beschlossen, meine Masterarbeit darüber zu schreiben. Aktuell sind 78% der Hochschulen in Indien teilweise oder vollständig privatisiert und verlangen daher hohe Studiengebühren. Insbesondere außerhalb der großen Städte sind staatliche Universitäten rar. Die meisten Studierenden sind bei der Finanzierung ihrer Bildung abhängig von ihren Eltern. Alternative Finanzierungsquellen sind Stipendien oder Kredite, wobei die meisten Stipendien nur 10% – 15% der Gebühren decken. Hinzu kommt leider, dass die Kosten für Bildung in Indien konstant steigen. Dadurch verlangen immer mehr Institutionen Studiengebühren, die die Kapazitäten eines für alle Menschen auch ohne Sicherheiten zugänglichen Kredits übersteigen. Daher haben viele Menschen keinen Zugang zu höherer Bildung, weil die finanzielle Hürde zu groß ist, oder sie müssen ihr Studium abbrechen. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Einführung des UGV in meinem Heimatland vielen Studierenden helfen könnte.

Es ist unüblich, für seine Masterarbeit in andere Länder zu reisen – Warum hast du deine Recherche nicht einfach von Deutschland aus durchgeführt?

Das war natürlich die ursprüngliche Idee. Allerdings ist der CEO der CHANCEN eG, Florian Kollewijn, letzten Dezember auf einen Wettbewerb für Firmen gestoßen, die in Indien Social Impact-Projekte initialisieren wollten. Wir sahen die perfekte Gelegenheit, unsere Idee eines indischen Ablegers der CHANCEN eG zu zu testen und bewarben uns. Zwei Tage später, am 5. Dezember 2019, wurden wir ausgewählt, unsere Idee im Halbfinale am 3. Januar 2020 zu pitchen – in Indien! Also haben wir beschlossen, diese Chance einerseits zu nutzen, um im Wettbewerb zu sehen, wie gut unsere Idee ankommt, und andererseits, um eine Machbarkeitsstudie mit Bildungsinstitutionen und potentiellen Investor*innen durchzuführen. In den wenigen verbleibenden Wochen hatten wir viele vorbereitende Treffen, und Florian und Batya haben mich darin unterstützt, einen guten Pitch auszuarbeiten.

Das ist beeindruckend! Wie lief der Wettbewerb? Welche Eindrücke konntest du sammeln?

Der Wettbewerb wurde von dem renommierten „Indian Institute of Management“, der TATA Social Enterprise Challenge und GINSEP, dem German Indian Startup Exchange Program in Calcutta abgehalten. Über 1.000 Startups hatten sich beworben, wovon 63 in die Vorauswahl kamen. Von diesen 63 Teams wurden dann nur noch 23 für das Halbfinale ausgewählt: 20 Startups aus Indien, und 3 Startup aus Deutschland – eines davon war die CHANCEN eG.

Es war eine tolle Erfahrung. Alle Startups waren sehr freundlich und alle hatten eine innovative Idee, um die Gesellschaft in irgendeiner Weise voranzubringen. Den Juror*innen gefiel unser Modell und sie hatten viele Fragen über unsere Alleinstellungsmerkmale, die technologische Umsetzung unserer Prozesse und die Anpassung des UGV an den indischen Markt. Nur 10 Teams kamen ins Finale, wir waren leider nicht dabei. Trotzdem hat sich die Reise gelohnt, schon allein weil ich mich mit vielen Hochschulvertreter*innen, Inkubatoren und Investorinnen austauschen und vernetzen konnte.

Und direkt auf den Wettbewerb folgte die Machbarkeitsstudie?

Ja, genau. Vor der Reise haben wir eng mit dem Rechercheteam der CHANCEN eG zusammengearbeitet und eine Liste mit relevanten Daten zusammengestellt, die wir für unsere Machbarkeitsstudie erheben musste. Wir haben beschlossen, unsere erste Vor-Ort-Recherche bei der Nudge Foundation durchzuführen, einem Ausbildungszentrum für junge Menschen aus einkommensschwachen Familien. Den Gründer der Nudge Foundation kannte CHANCEN International-Gründerin Batya über das Mulago Fellowship Program, welches die beiden Sozialunternehmer*innen unterstützt.

In der zweiten Januarwoche haben Batya und ich Interviews mit Schüler*innen und Alumni der Nudge Foundation durchgeführt. Sie waren sehr offen und ehrlich und haben uns geholfen, ihren Blickwinkel auf den UGV zu verstehen. Ihr finanzielles Verständnis war beeindruckend; als wir das Modell des UGV erklärten, haben sie sehr schnell die finanziellen Kernpunkte verstanden. Während unseres Besuchs fand die Abschlussfeier für einige Kurse statt und wir wurden dazu eingeladen. Batya wurde gebeten, den Absolvent*innen ihre Zeugnisse auszuhändigen. Es war ein wundervoller Moment für uns, da alle Absolvent*innen eine Arbeit in ihrem Sektor gefunden haben.

 

 

 

Das klingt toll! Hast du auch mit Investor*innen gesprochen? Und wie war deren Feedback?

In der dritten Woche hatte ich die Gelegenheit, mehr Feedback von anderen Bildungsinstitutionen und deren Studierenden, der Deutsch-Indischen Handelskammer, Wirtschaftsprüfer*innen und auch Anwält*innen zu bekommen. Während die meisten Institutionen und Studierenden das Modell als interessante Finanzierungsmöglichkeit sahen, waren einige Studierende wegen der einkommensabhängigen Rückzahlung besorgt. Intuitiv hätten sie lieber einen klassischen Kredit zurückgezahlt, statt einen Teil ihres Einkommens abzugeben. Interessant ist, dass Frauen wesentlich eher dazu bereit waren, einen Teil ihres Einkommens für gute Bildung abzugeben. Jedoch haben indische Frauen in der Realität große soziale Verpflichtungen, was die Rückzahlung für sie erschwert. Manche Studierende waren der Ansicht, dass die Finanzierung des Studiums im Verantwortungsbereich der Eltern liege. Außerdem wollten einige wissen, wie sich familiäre Notfälle auf ihre Rückzahlung auswirken. Anwält*innen und Wirtschaftsprüfer*innen sprachen insbesondere finanzielle Risiken an, etwa durch den Mangel an Sicherheiten und den teils informellen Arbeitsmarkt in Indien, der Rückzahler*innen dazu verführen könnte, ihr Einkommen nicht wahrheitsgemäß anzugeben.

Es ist uns ein großes Anliegen, dass unsere Gemeinschaft wächst und dass der Umgekehrte Generationenvertrag zu Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit auf der ganzen Welt beitragen kann. Kannst du uns bereits verraten, ob CHANCEN India in der nahen Zukunft gegründet wird?

Der UGV ist eine exzellente Alternative für die Bildungsfinanzierung in Indien. Viele unterprivilegierte Studierende könnten von dem Modell profitieren und endlich die Chance bekommen, ihre Träumen zu verfolgen. Viele Studierende haben uns gefragt, wann CHANCEN India seine Tätigkeit aufnehmen würde, da sie den UGV gerne ihren Geschwistern empfehlen würden. Auch die Bildungsinstitutionen waren begeistert von einem Modell, das allen Studierenden unabhängig vom persönlichen Hintergrund Zugang zu Bildung ermöglicht. Andererseits sind wir, wie bereits erwähnt, auf einige Hindernisse und offene Fragen gestoßen, hauptsächlich in Bezug auf eine realistische, funktionierende Abwicklung der Rückzahlung.

In unseren nächsten Schritten wird es darum gehen, diese Herausforderungen anzugehen, mögliche Investor*innen anzusprechen und Pilotprojekte mit interessierten Bildungspartnern zu starten. Die Reise hat uns jede Menge Energie und Motivation gegeben, um daran zu arbeiten, unseren Traum von CHANCEN India Wirklichkeit werden zu lassen.

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