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Nicht in Berlins hipper Startup-Szene, sondern auf dem Gelände des Alten Gaswerks in Hamburg bietet neue fische Bootcamps über Web Development und Data Science an. In praxisnahen, dreimonatigen Kursen werden Nachwuchswissenschaftler*innen, aber auch gezielt Studienabbrechende und Karrierewechsler*innen fit gemacht für einen Quereinstieg in die zukunftsträchtige IT-Branche. Gründerin Dalia Das spricht im Interview über den leergefischten Personalteich, digitale Gesellenstücke und Frauen in der Digitalbranche.

Liebe Dalia, du hast neue fische 2018 in Hamburg gegründet und seitdem bereits mehrere erfolgreiche Bootcamp-Kurse über Web Development und Data Science durchgeführt. Wie kam es eigentlich zu dieser Idee?

Zu Beginn meiner Karriere organisierte ich im Medienkonzern AOL neue digitale Produkte für Kunden. Tolle Ideen hatte ich viele, doch immer, wenn es um die Umsetzung ging, wurde es schwierig: Digitale Fachkräfte waren damals schon schwer zu finden und das hat sich in den 15 Jahren meines persönlichen Berufslebens nie verändert. Mich hat das immer beschäftigt. Bevor ich schließlich neue fische gründete, baute ich im Bertelsmann-Konzern den Bildungsbereich mit auf. Dafür hielt ich in den USA nach innovativen Bildungskonzepten Ausschau und stolperte über die ersten Technology Bootcamps. Während das Konzept solcher Bootcamps in Deutschland ganz neu ist, hat sich das Modell in den USA schon seit 2012 etabliert.

In mir reifte die Idee, Technology Bootcamps nach Deutschland zu bringen, angewandt auf die Bedürfnisse der deutschen Digitalbranche. Gespräche mit lokalen Unternehmen zeigten, dass Interesse vorhanden ist. Kein Wunder, aktuell gibt es in Deutschland etwa 50.000 offene Stellen im IT-Bereich und das Besetzen einer Stelle dauert im Schnitt 150 Tage. Der Personalteich ist – im wahrsten Sinne – leergefischt, und hier setzt neue fische an: In nur drei Monaten machen wir unsere Teilnehmer*innen fit für den Beruf und bringen wortwörtlich neue Fische in den Pool. Daher unser Name.

In nur drei Monaten schaffen, wofür andere ein dreijähriges Bachelor-Studium absolvieren – wie kann das funktionieren?

Den Anspruch, den Stoff eines ganzen Studiums durchzuhetzen, haben wir gar nicht. Unsere Lehrpläne wurden zusammen mit Unternehmen entwickelt und haben eine hohe Passgenauigkeit mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes. Zudem: Drei Monate Vollzeit meint bei uns wirklich von morgens bis abends lernen, für Gruppenarbeiten gern auch mal am Wochenende. Durch kurze Theorieeinheiten im Wechsel mit Praxisübungen wird Gelerntes sehr schnell gefestigt. Solch aktives Lernen hat sich gerade in mathematischen Disziplinen sehr bewährt. Unsere Camps beinhalten 540 Stunden Praxisarbeit. Das ist ungefähr so viel wie in einem ganzen Bachelorstudium. Dort besteht ‚Praxis‘ ja oft nur aus der Bachelorarbeit. In kleinen Gruppen und mit erfahrenen Coaches werden Programmiersprachen, Methoden und agile Arbeitstechniken erlernt. Im letzten Monat arbeiten alle an einem sog. digitalen Gesellenstück, beispielsweise einer selbst programmierten App. Dieses Gesellenstück ist bei der Jobsuche sehr hilfreich, da es das Können viel transparenter wiedergibt als Zertifikate.

Stichwort Jobsuche – die ersten Bootcamps sind beendet, wie lautet euer Fazit und wie läuft die Vermittlung in den Arbeitsmarkt?

Wir sind sehr zufrieden, haben in den letzten Monaten selbst viel gelernt und dies gleich als Optimierung in die nächsten Bootcamps eingebaut. Rund 65% unserer Teilnehmer*innen der ersten Camps haben innerhalb von zwei Monaten einen Job gefunden, viele schon während des Camps. Dass unsere Fische – wenn ich unsere Absolventen einmal so nennen darf – so schnell einen neuen Teich finden, hatte ich selbst nicht erwartet: Ich hatte mit drei bis sechs Monaten nach Abschluss gerechnet. Aber der Bedarf ist groß und unsere Fische so talentiert, dass es schneller geht. Unsere Unternehmenspartner, darunter namhafte Firmen wie Otto und Hamburgs erstes Unicorn About You, suchen ja immer gut qualifizierte Mitarbeiter*innen und sind dankbar, dass sie hier ganz bequem und einfach vorbeischauen und sich vorstellen können. Wir drehen den Spieß fast ein wenig um: Im ersten Schritt stellt sich das Unternehmen bei unseren Teilnehmer*innen vor. Daraus ergeben sich erste Gespräche; und dann ist der Schritt bis zu einer Probearbeit nicht mehr weit.

Insbesondere das Web Development Bootcamp richtet sich gezielt an Quereinsteiger*innen: Personen, die ein Studium abgebrochen haben, Geisteswissenschaftler*innen, Frauen. Nicht gerade die Klischee-Programmierer.

Stimmt, ich habe erst kürzlich wieder gelesen, wie schlimm es um Frauen in der Informatik bestellt ist: Vier von fünf Studierenden der Informatik sind Männer. Wie kann das sein? Wir sind überzeugt, dass bei uns jede Person Web Development oder Data Science lernen kann, die vier Dinge mitbringt: Motivation, Durchhaltevermögen, Teamfähigkeit und analytisches Grundverständnis. Zum Programmieren braucht man keine höhere Mathematik; und es gibt keinen Grund, warum man das als Geisteswissenschaftler oder Frau nicht lernen könnte. Daher richten wir uns nicht nur, aber explizit auch an Frauen und wollen sie für digitale Berufe qualifizieren. Das gelingt uns sehr gut, der Frauenanteil in unseren Kursen beträgt über 50%, worauf ich als Gründerin sehr stolz bin. Auch im Bereich Data Science liegt der Frauenanteil bei 50%, hier brauchen die Teilnehmer*innen jedoch solides Wissen im Bereich Statistik, um mit großen Datenmengen zu arbeiten. Unser Data Science Kurs richtet sich daher insbesondere an Naturwissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, die nach ihrer Ausbildung oder Promotion einen Einstieg in die Wirtschaft suchen.

Als Gründerin hast du natürlich große Träume. Welche Entwicklung wünschst du dir für neue fische?

Insbesondere in den Data Science-Kursen haben wir Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland. Dass sie für ihr Bootcamp nach Hamburg kommen, zeigt, wie einzigartig unser Konzept ist. Gleichwohl würde ich mir wünschen, dass wir in naher Zukunft in verschiedenen Städten Kurse anbieten können, um Unternehmen direkt vor Ort mit neuen Talenten versorgen können. Unsere Arbeitswelt verändert sich und die Themen Fahrzeit und Regionalität werden immer wichtiger. Noch verbringen Menschen beruflich viel zu viel Lebenszeit in Fahrzeugen; aber das muss nicht sein. Mit dezentralen Bootcamps können wir regionale Talente für regionale Jobs ausbilden.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke, wir freuen uns auf Bootcamps in ganz Deutschland!

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